GEDIEGENER SPOTT. Bilder aus Krähwinkel

Anonym: Die Auserwählte eines Krähwinkler Zierbengels führt ihren Geliebten an der Nase herum (Detail), kol. Kupferstich, Slg. D. Ante

24. März bis 9. September 2018

Bis zum 9. September 2018 zeigt das Museum LA8 in Baden-Baden die Ausstellung „GEDIEGENER SPOTT. Bilder aus Krähwinkel"

 

Das Biedermeier in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts bestand nicht nur aus behaglichen Möbeln, Hausmusik und unpolitischer Privatheit. In den bürgerlichen Wohnstuben wurde manchmal laut und frech gelacht, und zwar über die lustigen Grafiken, die das absurde Treiben der anständigen Bürger in Krähwinkel zeigten. Die beliebten Drucke sprengten gewohnte Redewendungen auf, indem sie diese allzu direkt in Bildszenen übersetzen. Kunstmaler, die auf der Suche nach Inspiration durch die Landschaft streifen, wurden dann etwa gezeigt, wie sie hingebungsvoll lange Streifen in die Landschaft malen. Als altehrwürdige Sprichwörter nicht mehr Ordnung und Sinnzusammenhang gewahrleisteten, bekam die geschlossene Idylle einen Knacks und öffnete sich für die Bildbetrachter durch ihr eigenes verblüfftes Lachen. Aus der Mitte der braven Biedermeier-Welt entsprang ebenso paradox wie folgerichtig eine anarchistische Komik, eine scheindoofe Unterbietungsstrategie von infantilem Humor, den Obrigkeit und Zensur kaum so effizient unterdrücken konnten, wie die politischen Texte der Vormärz-Dichter.

Der Name Krähwinkel für eine fiktive Kleinstadt, das Zuhause kleinbürgerlicher Beschränktheit irgendwo in der deutschen Provinz, taucht erstmals bei Jean Paul (1763-1825) auf. August von Kotzebue (1761-1819) bringt in sein Lustspiel „Die deutschen Kleinstädter" deutliche Gesellschaftskritik ein. Aus der Literatur – auch Heinrich Heine widmet sich den Krähwinklern – findet das Sujet schnell seinen Weg in die bildliche Darstellung. Für den Verlag des geschaftstüchtigen Friedrich Campe (1777–1846) zeichnen unter anderem der Nordlinger Johann Michael Voltz (1784–1858) und der Leipziger Künstler Christian Gottfried Heinrich Geisler (1770–1844). Ihre Karikaturenblätter erfreuen sich großer Beliebtheit, werden vielfach nachgedruckt und in Alben gesammelt.

Die Ausstellung kombiniert historische Rekonstruktionen biedermeierlich geschlossener Wohnstuben (und Puppenstuben) mit dem grafischen Aufbruch in die Bilderwelt des befreienden Lachens und präsentiert über 200 Einzelblatter aus einer bedeutenden Privatsammlung sowie weitere Leihgaben aus dem Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst, Hannover.

 

 

 

WILHELM BUSCH. Bilder und Geschichten

Wilhelm Busch, Der kleine Maler mit der großen Mappe (Detail), 1859
aus: Münchener Bilderbogen Nr. 248, Slg. D. Ante
In Kooperation mit dem Wilhelm Busch Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst

29. September bis 3. März 2019

Ab dem 29. September zeigt das Museum LA8 in Baden-Baden die Ausstellung „WILHELM BUSCH. Bilder und Geschichten“.

Die Schau zeigt Wilhelm Busch (1832-1908) als den berühmten Schöpfer lustig-scharfsinniger Bildergeschichten und als fortschrittlich experimentellen Landschafts- und Porträtmaler. Zu sehen sind seine populären Figuren wie die fromme Helene oder Max und Moritz und seine innovative Malerei zwischen Naturbeobachtung und gestischer Erfindung. Während seine Bildergeschichten für Busch zu großen publizistischen und finanziellen Erfolgen wurden, entwickelte sich seine Malerei abgewandt von der Öffentlichkeit als radikales Probieren und fortgesetzte Suche. Beide Schaffensbereiche sind künstlerisch verbunden durch das Unfertige: meisterhaft zu Bildwitz und Tempo stilisiert in den Bilderfolgen, unverstanden seiner Zeit voraus in der Malerei.

„Rums, da geht die Pfeife los ...!" – In einer Max und Moritz-Episode zeichnet und beschreibt Busch einen zentralen Wendepunkt des 19. Jahrhunderts. Sein Lehrer Lämpel wird jäh aus der „Zufriedenheit" gerissen. Das Biedermeier, die Behaglichkeit, das historistische Verharren – alles fliegt „im Pulverblitz" durcheinander und sortiert sich neu. Das Leben fliesst nicht mehr gemächlich dahin, plötzlich ist alles gesteigerte Gegenwart, und Busch verleiht ihr mit rasanten lautmalerischen Knalleffekten höchste Aktualität. Als Zeichner lustiger Geschichten gelang Busch eine Art Film vor dem Film. Das rasante gesellschaftliche und technische Entwicklungstempo seiner Epoche vermochte Wilhelm Busch mit dem Erzähltempo seiner unterhaltsamen Gebrauchskunst getreuer in Bilder zu fassen, als es die repräsentative Hochkunst vieler Künstlerkollegen vermochte. So wurde Wilhelm Busch zum großen Wegbereiter der Populärkultur der frühen Moderne. In Windeseile verbreiteten sich seine Geschichten, angeführt von Max und Moritz, in Europa und bis nach Amerika, wo sie sich in der neuen Welt der Comicstrips weiterentwickelten.

Weniger bekannt ist, dass Busch sich eigentlich als Maler betrachtete. Erst nach seinem Tod erlangten auch seine Gemälde Aufmerksamkeit. Mit der „stillen Welt des Pinsels“ jedoch hatte sich Busch in seinen Münchner Jahren nie zufrieden gegeben, war er dort doch Teil der jungen, aufsässigen Kunstszene. Die späteren Malerfürsten Franz von Lenbach und Friedrich August Kaulbach gehörten zu den engsten Weggefährten. In seinen kleinformatigen Landschaftsbildern betrieb er die Auflösung der Form, in seinen figuralen Gemälden vermittelte er einen irritierenden Realismus.

Die Ausstellung zeigt ebenso den universell Begabten wie den frühvollendeten Welterfolgskünstler, der seit 1878 die letzten 30 Jahre seines Lebens kauzig in provinzieller Abgeschiedenheit verbrachte.